CHIKARA The Renaissance Dawns (25. Mai 2002) Review: Black T-Shirt Squad vs. Gold Bond Mafia

Werden Fans gefragt, warum WWE keinen Spaß mehr macht, sind die Antworten oftmals deckungsgleich: Das Produkt sei zu sehr auf Kinder zugeschnitten, die Charaktere unrealistisch und überhaupt mangele es an Blut, Gedärmen und einander im schlimmsten Stil zurichtenden Kombattanten. Dabei ist die viel wichtigere Antwort simpler ausgemacht: Sowohl Storylines als auch Angles sind der hinterletzte Mist und selbst für die vermeintliche Zielgruppe uninteressant!

Daß Pro-Wrestling sowohl kindlich als auch komplex und belohnend sein kann, beweist Mike Quackenbush seit fast 20 Jahren. Sein CHIKARA getauftes Baby hat Hoch- und Tiefphasen erlebt, ist sich stilistisch aber durch die Bank weg treu geblieben und die vielleicht charmanteste kleine Promotion aller Zeiten. Dank CHIKARAtopia ist es einfacher denn je, die reichhaltige Geschichte der gleichermaßen aus Wrestling und Comiceinflüssen bestehenden Organisation aufzuholen oder aufs Neue zu erleben.

Alternativ könnt Ihr mir gern dabei folgen, die bei meinem Tempo 3.293 Jahre lang andauernde Reise in die CHIKARA-Neuzeit zu unternehmen. Die Events vor 2005 sind mir selbst unbekannt. Umso besser also, daß sich Mike Quackenbush und Bryce Remsburg die Mühe gemacht haben, sie anno 2010 zu vertonen. Es dauerte nämlich einige Jahre, bis die Veranstaltungen überhaupt erst durch Kommentatoren begleitet wurden. Auf geht’s mit dem allerersten Event der CHIKARA-Historie – und einigen Debütanten und Überraschungen!

Mr. ZERO besiegte Dragonfly

Zwei Rookies hatten die Ehre, den munteren Reigen CHIKARAs mit einem über 10 Minuten langen Kampf zu eröffnen. Kein Druck! Die Rollen waren glasklar abgesteckt: Während Dragonfly einen generischen Highflyer darstellte, mimte Mr. ZERO den fiesen Geschäftsmann mittleren Alters, der seine Offensiven gern dafür nutzte, Zeitung zu lesen und Kaffee zu trinken. Letzterer wurde mitten im Match verkippt und sorgte subsequent für die erste Verunreinigung des Rings vor Publikum.

Die Leistung der beiden selbst war erstaunlich gut! Selbstverständlich wirkte das Aufeinandertreffen zu keiner Sekunde geschmeidig. Doch immerhin konnten es die Jungs vermeiden, sich Knochen oder gleich das Genick zu brechen. Und das trotz allerlei holprig aussehender Spots! ZERO fing den Maskierten zur 10-Minuten-Grenze mit einer Blue Thunder Bomb ab, ließ wenig später eine Hurricanrana über sich ergehen und beendete den Kampf mit dem gleichermaßen gefährlich als auch beeindruckend aussehendem Unicorn Drop. ** (11:29)

  • Kaum war der Opener zu Ende, marschierte ein junger Mike Quackenbush in den Ring. Das CHIKARA-Oberhaupt bedankte sich bei den anwesenden Zuschauern und richtete sein Augenmerk auf die Gold Bond Mafia. Eine dürre Variante von CM Punk ließ sich nicht zweimal bitten und hatte vieles, nur keine positiven Worte für das Publikum übrig. Der Eindringling erklärte den Mittleren Westen für in jeder Hinsicht überlegen. Für Quackenbush gab es freundlichere Kommentare, sogar das Angebot eines warmen Händedrucks. Eine Finte, enterten doch plötzlich Chris Hero und Colt Cabana das Ringgeviert, um den Ostküstenveteran in selbigen zu zementieren! Rettung eilte schlußendlich durch Reckless Youth und Don Montoya, die den Stolz der East Coast wiederherstellten und die Herausforderung für den heutigen Hauptkampf aussprachen.

Marshal Law & Love Bug besiegten Hallowicked & Ichabod Slayne

Mr. ZERO sollte nur in den Anfangsjahren von CHIKARA eine Rolle spielen, Dragonfly verschwand noch viel schneller von der Bildfläche. Anders sieht es bei Hallowicked und Ichabod Slayne aus. Erstgenannter agiert noch heute unter seinem damaligen Ringnamen, während Slayne im Lauf der Jahre zu Icarus und einem der populärsten Wrestler der Promotion wurde. Laut Quackenbush kannten sich die beiden bereits vor ihrer Zeit im Dojo, wo sie so fixiert aufeinander waren, daß sie hinter ihrem Rücken zu Beavis & Butt-Head erklärt wurden.

Das Night-Shift-Gimmick schien zu dieser Zeit noch keine allzu spezielle Bedeutung zu haben. Hallowicked und Slayne hingen vor Kampfbeginn aber immerhin in Fledermaus-Form von der Ringecke und trugen düstere Masken. Marshal Law und Love Bug auf der anderen Seite spulten als Beauty & The Beast das Kontrastprogramm ab, kamen zu Alien Ant Farms „Smooth Criminal“ und verboten aussehenden pinken Hemden des Weges. Law hatte seinen Platz unter anderem deshalb sicher, weil er im Dojo als geschickter Handwerker auszuhelfen wußte.

Im Gegensatz zum soliden Opener gab der Spaß nicht irre viel her. Hallowicked und Slayne ließen zweifelsohne Potential durchblicken, waren aber noch weit davon entfernt, ein souveränes Match zu arbeiten. Ihre Gegner waren merklich besser, gingen aber auch nicht als Ric Flair oder Hiroshi Tanahashi in die Geschichte ein. Es ging hin und her, Love Bug wurde kurzfristig isoliert, bis er das Match per King Crab gegen Slayne beendete. Fünf Minuten zu lang oder fünf Monate Training zu wenig? Der Leser entscheidet! (12:34)

Kid Kruel besiegte Zane Madrox

Zwei weitere Wrestler, die zeitnah abhanden gekommen sind. Madrox hatte einen vielleicht nicht guten, aber wenigstens markanten Look, während Kruel als durchtrainiertes Muskelpaket wie aus einer anderen Welt zu stammen schien. Die Zukunft fiel dementsprechend aus: Madrox beehrte die Wrestling-Welt nur kurzzeitig mit seinem Dasein, Kruel schaffte es sogar in die WWE-Farmligen OVW und FCW, bevor er sich 2009 für die Rückkehr in die weniger schmerzhafte reale Welt entschied.

Kruel unterschied sich in einem weiteren Aspekt vom Rest der bisher durch den Ring Gestolperten: Er hatte es drauf! Der Muskelprotz ließ sich Zeit, spielte seine Erfahrung als Amateur-Ringer aus und arbeitete sich problemlos frei von allzu großen Patzern durch seine Offensiven. Mit einer Länge von knapp 10 Minuten endete die Auseinandersetzung, bevor die Fans in der Halle schlimmen Schaden davontragen konnten. Insgesamt keine spektakuläre Darbietung, aber eine überdurchschnittlich gute individuelle Leistung von Kruel, der mit dem Juji Gatame gewann. **¼ (10:17)

Blind Rage besiegte UltraMantis

UltraMantis erwies sich mit jedem fortschreitenden Jahr als möglicherweise bester Allrounder unter dem CHIKARA-Dach. Er bestritt Death Matches, sprang oftmals als Kommentator ein und zählte lange Zeit zu den charismatischsten Gestalten des Rosters. Auch Blind Rage hatte für die damaligen Verhältnisse eine Menge zu bieten, mit seinem Goth-Auftreten – laut Quackenbush eine nur minimale Erweiterung seiner echten Persönlichkeit – hohen Wiedererkennungswert und wußte definitiv, was er im Ring fabrizierte. Mantis war bis zu diesem Zeitpunkt wesentlich sauberer und besser als jeder von Quackenbush trainierte Rookie vor ihm.

Auch hinsichtlich des Gimmicks nahm Mantis die Pole Position ein. Der Charakter verstand sich lose als Homage an Ultraman und Kamen Rider, den beliebtesten Helden Japans, sein Arsenal bestand aus zahlreichen Butterfly- und Tiger-Manövern – ganz seinem animalischen Naturell entsprechend. Mitsamt der Athletik von Blind Rage ergab sich ein für US-Indy-2002-Standards erstaunlich gutes Match, das vielleicht keine Schönheitspreise gewinnt, aber vergleichsweise routiniert und spannend war. Rage entschied den Kampf mit dem Gory Facebuster zu seinen Gunsten. Empfehlenswert! **½ (10:31)

Mike Quackenbush, Reckless Youth & Don Montoya besiegten Chris Hero, CM Punk & Colt Cabana

Es dauerte nicht lang, da wurden Multi-Man Tag Team Matches die große Spezialität im CHIKARA-Universum. Kein Wunder also, daß die Karte bereits bei der Debüt-Veranstaltung gezogen wurde. Über die kommenden Jahre von Quackenbush, Hero, Punk und Cabana muß an dieser Stelle nicht viel geschrieben werden. Auch Reckless Youth sollte wenigstens die Chance erhalten, seinem großen Talent gerecht zu werden – wenngleich das Maximum retrospektiv nie erreicht werden konnte.

Die interessanteste Personalie ist für mich tatsächlich Don Montoya, den ich früher nie groß auf dem Schirm hatte. Sein Aussehen läßt das auf den ersten Blick gar nicht erst zu. Montoya ist ein Schwergewicht mit grandioser Shindy-Optik, das prompt für erstaunte Gesichter sorgt, wenn die ersten Armdrags und Chops ausgeteilt werden. Das Moppelchen ist nicht nur erstaunlich agil, sondern auch bemerkenswert gut! Besser als so manche Lucha-Ikone, die ihren Zenit bereits vor 20 Jahren überschritten hat, heutzutage aber immer noch in den Ring steigt.

Ebenfalls bemerkenswert: Mit Quackenbush und Cabana hatten nur zwei Leute etwas, das man professionelle Gear nennen konnte. Doch trotz der fürchterlichen Klamotten arbeiteten die sechs Beteiligten einen Kampf, der die späteren Qualitäten von CHIKARA exakt abbilden konnte. Es gab kaum eine ruhige Minute, tonnenweise kreative Ideen und ein selbst für heutige Verhältnisse erstaunlich flottes Duell, das die Güteklasse aller Kontrahenten hervorragend in Szene setzte. Am Ende blockte Quackenbush einen Full Nelson Slam Cabanas, konterte mit einem Reverse Frankensteiner und ebendete den Weg für Youth, der den Schlußstrich mit der Northern Lights 2k1 Bomb zog. ***½ (30:52)

  • Der Kampf war gerade erst beendet, da hatte der Sieger ein Mikro in der Hand, um die Gold Bond Mafia zu loben. Hero, Punk und Cabana würden keinen noch so langen Anfahrtsweg scheuen, für Appel wie Ei kämpfen. Ohnehin: Sie seien die „new shining stars of the Independents“. Punk zögerte zunächst, feierte letztendlich aber doch mit allen anderen Teilnehmern des Hauptkampfs.

Abschließende Gedanken

Pro-Wrestling kann gut oder weniger gut sein. Spaß machen muß es! Und genau das war bei der Debüt-Veranstaltung von CHIKARA der Fall. Die Schneeflocken mögen nicht unbedingt auf einen erfolgreichen Event hindeuten. Doch eben das ist er gewesen. Die „five dollars for five matches“-Devise sollte die Anfangszeit der Promotion bestimmen. Nur sechs Tage später ging es in die zweite Runde.

Mit weniger als zwei Stunden Material verging der Event wie im Flug, hatte kaum Längen, dafür viele positive oder wenigstens interessante Aspekte wie die Debüts von gleich sechs Wrestlern, die mitunter heute noch für die Promotion antreten. Nicht jeder Schüler von Quackenbush ist über die Jahre zu einem Überflieger geworden. Aber die Quote ist erstaunlich hoch!

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Author: Steffen Götze

Steffen verfolgt das obskure Hobby namens Pro-Wrestling seit 1998 und erfreut sich gleichermaßen an Death Matches, unsichtbaren Handgranaten und langweiligem Klassik-Catch von anno dazumal. Ärgert sich der Dresdener nicht gerade über die jährlichen Mißerfolge der Minnesota Vikings, bemüht er sich nach Kräften, die Kritiken wichtiger Veranstaltungen nach spätestens drei Jahren im Kasten zu haben.

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