NJPW Road To Tokyo Dome 2018 (14. Dezember) Review: Tanahashi & „Friends“ vs. The Elite, Okada vs. Gedo

Der größte Tag im japanischen Wrestling-Jahr naht! Doch bevor wir Kenny Omega vs. Hiroshi Tanahashi, Chris Jericho vs. Tetsuya Naito, Kazuchika Okada vs. Jay White und den Rest des Tokyo-Dome-Ensembles begutachten dürfen, geht es für zwei aufeinanderfolgende Abende in die Korakuen Hall. Neben der Chance, dem oder den Kontrahenten letzte Signale zu senden, kam es in der prestigeträchtigen Arena zu einem Singles Match, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien: Gedo hatte sich nach seinem Verrat zu verantworten und begab sich gegen den „Rainmaker“ in die sprichwörtliche Höhle des Löwen. Im Main Event verbündete sich die Seiki-gun mit CHAOS, um der Elite den Kampf anzusagen.

Zur Einstimmung auf die große Veranstaltung am 4. Januar gab’s ein schickes Video, das die letzten Monate resümierte:

Tomoaki Honma, Jushin Thunder Liger, Tiger Mask & KUSHIDA besiegten Toa Henare, Ayato Yoshida, Ren Narita & Yuya Uemura

KUSHIDA befindet sich in einer einzigartigen Position. In seinem über acht Jahre andauernden Abstecher zum japanischen Branchenprimus hat der „Time Splitter“ alles erreicht, was zu erreichen ist. Er ist sechsfacher und amtierender Junior Heavyweight Champion, hat an der Seite von Alex Shelley zweimal die Junior Heavyweight Championship und ganz nebenbei das Super Junior Tag Tournament, das Best Of The Super Juniors, den Super J-Cup und noch einmal das Best Of The Super Juniors gewonnen. Als Aushängeschild der Leichtgewichte paßt der erfahrene Haudegen hervorragend zum alten Eisen an seiner Seite. Doch mit vergleichsweise jungen 35 Jahren ist er eben doch weit davon entfernt, ein Honma, Liger oder Tiger zu sein. Beste Zeit für einen potentiellen Tapetenwechsel im Titanland? Die nächsten Wochen machen uns klüger.

Weniger Intelligenz war beim Verlauf des Matches gefragt. Henare und die jungen Löwen bewiesen Feuer, bezogen Prügel, machten kurz vor knapp fast den überraschenden Sieg klar und dackelten mit einer weiteren Niederlage hinter die Kulissen. In der Schlußphase scheiterte Yuya Uemura daran, die Sensation perfekt zu machen. Der Tiger Driver besiegelte das Ende für ihn und sein Team. Kaum war der Kampf vorbei, wechselten Honma und Henare „freundliche“ Worte. Möglicherweise daraus resultierend, daß der junge Neuseeländer den Platz an Makabes Seite bei der World Tag League einnahm. (11:17) ***

Grumpy Tiger ließ kein gutes Haar am Nachwuchs. (© NJPW)

Shingo Takagi besiegte Shota Umino

Auf den ersten Blick schien Shingos erstes Singles Match für New Japan wie die designierte Machtdemonstration seiner Qualitäten. Doch daß ausgerechnet Shota Umino zum handverlesenen Gegner erklärt wurde, läßt nicht minder tief blicken. Red Shoes Jr. hat sich in den vergangenen Monate als Vorzeige-Rookie etabliert und ist mit seinen erst 21 Jahren prädestiniert dafür, der Promotion in absehbarer Zeit seinen Stempel aufzudrücken. Den Test gegen den Drachen bestand der Young Lion bravourös – wenngleich es nicht für den großen Schocker reichen sollte

Abermals konnten langjährige New-Japan-Connaisseure abschätzen, wie sich die Auseinandersetzung entwickeln würde. Sie bot das typische Kräftemessen zweier Generationen, das zum Markenzeichen der Veranstaltungen unter dem Banner vom Lion’s Gate Project geworden ist: Der Veteran ist über lange Strecken in der Offensive, erlaubt dem Jüngling hoffnungsvolle Momente und macht schließlich den Sack zu. Ebenfalls obligatorisch: Der Nachwuchs präsentiert sich so sympathisch und energiegeladen, daß wir für einen kurzen Moment glauben könnten, Zeuge eines historischen Ereignisses zu werden.

So auch hier: Das Publikum explodierte, als Shota einen German Suplex Hold landete und den Unregierbaren um ein Haar für drei Sekunden auf dem Boden hielt. An dieser Stelle schaltete Shingo einen Gang hoch. Für den jungen Umino setzte es schlußendlich die komplette Packung: Moshigami, Pumping Bomber, Last Of The Dragon – und Schluß! Eine Galavorstellung des New-Japan-Imports, die gleichzeitig die Vorzüge des derzeit bedeutsamsten Rookies unterstrich. Gab Shingo bei Dragon Gate den respektlosen Tyrann, bot er Shota nach dem Sieg einen fairen Handshake an. Ende vom Lied: Der Nachwuchs konnte darauf verzichten und schlug Takagis Hand von sich. (10:44) ***

Shota Umino schlug eine vergebliche Schlacht gegen den Drachen. (© NJPW)

Hirooki Goto & Rocky Romero besiegten Minoru Suzuki & Takashi Iizuka

Was zwölf Monate ausmachen können! An just dieser Stelle gab NEVER Openweight Champion Minoru Suzuki im letzten Jahr der Bettelei von Hirooki Goto nach. Jener bemühte sich bis dato vergebens um eine weitere Chance auf das Gold, gewann die ungeteilte Aufmerksamkeit des Titelträgers erst, als er seine Haarpracht aufs Spiel setzte. Die Konfrontation gipfelte im Hair vs. Hair Death Match ohne Sekundanten – und einem neuen Champion im Tokyo Dome. Weder Goto noch Suzuki haben ein für ihren Status sonderlich aufregendes Jahr hinter sich. Es scheint ungerecht und irgendwie doch nachvollziehbar, daß beide nur für die Pre-Show von Wrestle Kingdom 13 angekündigt wurden.

Matches mit Beteiligung der Suzuki-Mannschaft können schnell zur Qual werden. Erst recht, da sie alle gleich ablaufen, keine Überraschungen auf Lager halten und dazu neigen, sich im Schneckentempo zur heißen Phase zu bewegen. Hier war es anders! Brawl um den Ring und Iizuka-Heißhunger-Momente wurden erstaunlich kurz gehalten. Stattdessen gab es viele zünftige Schlägereien mit Goto und Suzuki und einen Rocky Romero, der dem Kampf seine ganz eigene Note verpaßte. Na ja, und einen kleinen Oho-Moment: Denn als wieder einmal Chaos ausbrach, war es plötzlich der ehemalige Havana Pitbull, der mit Unterstützung seines Kumpels für den entscheidenden Pinfall sorgte! Iizukas Schultern blieben lang genug auf dem Boden.

Nach der Lektüre eher nüchterner Kritiken von unter anderem Chris bei Shuyaku.de traue ich mich kaum zu sagen, einen erstaunlich guten Kampf ohne viel Bockmist gesehen zu haben. Mitsamt heißer Crowd eine der für meinen Geschmack besseren Korakuen-Präsentationen der SZKG-Formel. (11:23) ***

Sieg für … Rocky? Sieg für Rocky! (© NJPW)

Tomohiro Ishii, SHO & YOH besiegten Taichi, Yoshinobu Kanemaru & El Desperado

Die SZKG-Doppelpackung ist schwer erträglich, wenn die Kämpfe langsam und schwerfällig über die Bühne gehen. Doch wie bei der Darbietung zuvor ging es vom Fleck weg mit hohem Tempo vorwärts. Neben dem einmal mehr kurz gehaltenen Brawl durch die Korakuen Hall verzichteten die Mannen um Taichi sogar darauf, ihre Gegner vor dem Ringgong zu attackieren. Mit einer größeren Portion Abwechslung und weniger Schema F kann es im neuen Jahr gern weitergehen!

Trotz der unerwarteten Fairness zum Einstieg verließen sich Suzukis Henker auf ihre perfektionierte Strategie: Sie griffen, wann immer sich die Möglichkeit bot, im Kollektiv an, klopften ihre Gegner außerhalb des Rings weich und spekulierten auf einen einfachen Sieg. Da die Junior Heavyweights den Löwenanteil der Arbeit übernahmen, war durchweg für gute Unterhaltung gesorgt. Nicht zuletzt hat YOH die Ricky-Morton-Rolle so gut gemeistert, daß er die Fans spielerisch hinter sich bringt, je länger und übler er malträtiert wird.

Zur Freude YOHs hatte er zwei herausragende Ausputzer an seiner Seite. SHO definiert sich über ambitionierte Offensiven, über die Stärken von Tomohiro Ishii müssen längst keine Worte mehr verloren werden. Sehr wohl jedoch über Taichi: Der hinterhältigste Wrestler der Welt hatte einen guten Tag erwischt und lieferte sich ein zünftiges Feuergefecht mit dem „Stone Pitbull“, bis Kanemaru nach erstaunlich unterhaltsamen Minuten die Ehre hatte, sich nach dem Vertical Drop Brainbuster schultern zu lassen. Zwei, drei Handgreiflichkeiten später mußten beide Parteien voneinander getrennt werden. (13:14) ***¼

Tomohiro Ishii ließ Yoshinobu Kanemaru mit Kopfschmerzen zurück. (© NJPW)

Bad Luck Fale, Tama Tonga, Tanga Loa & Taiji Ishimori besiegten Tetsuya Naito, EVIL, SANADA & BUSHI

Werden die über den Dingen stehenden und neunmalklugen Sonderlinge von noch schlimmeren Schulhofschlägern in die Mangel genommen, fällt Sympathie schwer. Mögen die Ingobernables beim einheimischen Publikum auch noch so populär sein: Agieren sie in der Face-Rolle, möchte bei mir einfach keine Stimmung aufkommen. Sie selbst sind Fieslinge, die ihre Gegner anspucken, ihnen Nebel ins Gesicht sabbern und liebend gern das Absperrgitter integrieren, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Energie auf der anderen Seite? Fehlanzeige! Ishimori ist stets für eine zügige Konfrontation zu haben, neben den Guerrillas und Fale aber allerhöchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Anders als in den erstaunlich dynamischen Kämpfen mit SZKG-Beteiligung fühlte sich der Kampf niemals kraft- oder schwungvoll an – ein wiederkehrendes Motiv, das die Team-Auftritte von sowohl LIJ als auch BULLET CLUB häufig zu eher uninteressanten Scharmützeln werden läßt.

Der endlich wieder kohärent auftretende CLUB spielte seine Vorzüge geschickt aus, startete mit der Isolation Naitos und endete mit einem gezielten Eingriff von Jado. BUSHI blieb übrig und wurde mit einer Super Powerbomb ausgeschaltet. Der bis dato schwächste Kampf des Abends, der bei Zeitmangel problemlos übersprungen werden kann. (11:57) **½

Super Powerbomb: Für BUSHI ging es abwärts. (© NJPW)

Kazuchika Okada besiegte Gedo

In einer schockierenden Wendung wäre der Kampf beinahe ins Wasser gefallen. Gedo schleppte sich bandagiert und mit Krücken zum Ring und erklärte dem englischsprachigen Personal am Kommentatorenpult, er sei vor wenigen Stunden böswillig angefahren worden sein – von einem CHAOS-Fan! Die japanischen Fans reagierten ähnlich verständnislos, lachten und buhten den Pseudo-Invaliden aus. Gedo traute weder Augen noch Ohren. Denn selbstverständlich, so kündigte er an, würde er sofort gegen Okada kämpfen, wenn seine Verletzungen ausgeheilt seien.

Der „Rainmaker“ durchschaute die Scharade, zeigte sich dann aber doch überrascht über die Rücksichtslosigkeit seiner ehemaligen Rückendeckung. Gedo hatte sich auf jede Widrigkeit vorbereitet, sprühte Okada Pfefferspray in die Augen, wuchtete ihn mit einem Schlagring zu Boden und hatte sicherheitshalber das Polster einer Ringecke entfernt. Im Kontrast zu den SZKG-Kämpfen ging es mit obligatorischem Countout-Spot ausführlich neben das Seilgeviert.

Zurück im Ring wendete sich das Schicksal, bis sich Jado und Jay White in das Geschehen einmischten. Der Abend sollte dennoch gut enden: Als sich Rocky Romero geistesgegenwärtig auf das Schlachtfeld begab, waren die Bösewichte lang genug abgelenkt. „Switchblade“ wurde mit Dropkicks abgefertigt, für Gedo setzte es den Rainmaker für drei! Daß White nach einer erfolgreichen Attacke mit erhobenenen Armen von dannen zog, konnte an just diesem Abend als Makulatur verbucht werden. (12:36) n/r

Genugtuung pur: Okada schlug den vergnüglichsten Rainmaker aller Zeiten. (© NJPW)

Hiroshi Tanahashi, Will Ospreay, Togi Makabe & Toru Yano besiegten Kenny Omega, Kota Ibushi, Yujiro Takahashi & Chase Owens

Kam es noch vor zwei Stunden zu einer Konfronation zwischen Honma und Henare, stellt sich die Frage nach dem potentiellen #1-Partner Togi Makabes möglicherweise gar nicht mehr. Die Quasi-Versöhnung mit Toru Yano inklusive der zumindest für dieses Wochenende intensivierten Zusammenarbeit zwischen CHAOS und der Seiki-gun könnte darauf hinweisen, daß es auch im neuen Jahr vermehrt zu Überschneidungen kommt, die Gruppierungen vielleicht sogar eine weitere Neuordnung erfahren. Ist Honmas Rolle zukünftig auf die Dad-Position festgelegt, käme Yano als alter bzw. neuer Makabe-Gefährte gerade recht. Kollege Ishii hätte sicherlich nichts dagegen – und etwa mit Hirooki Goto einen ohnehin besser zu seinem Stil passenden Kumpan an seiner Seite.

Der Korakuen-Hauptkampf gestaltete sich als Ringelpietz mit Anfassen. Wenn es nicht gerade darum ging, alte Freund- oder Feindschaften aufleben zu lassen, wurden Akzente gesetzt – aber auch nicht zu sehr! Schließlich hatte keiner der Beteiligten vor, sich zweieinhalb Wochen vor dem großen Event über Gebühr zu verausgaben. Ibushi und Ospreay trafen sich mehrmals zum Stelldichein im Ring, zögerten jedoch merklich, über sich hinauszuwachsen, den jeweils anderen zu früh über die geheimen Waffen zu informieren.

Waren die Jungs der Elite vom Fleck weg aufeinander abgestimmt, hatte der zusammengewürfelte Trupp auf der anderen Seite zunächst das Nachsehen. Makabe und Yano kämpften mit ihrer Chemie, bevor der Einsatz von Tanahashi und Ospreay für das nötige Momentum sorgte. Jenes hielt an. Vor allem gegen Yujiro und Owens, deren Teilnahme am Match im bekannten New-Japan-Booking-Muster begründet lag. Das Kronjuwel konnte erfolgreich isoliert werden und hielt seinen Kopf vor dem finalen Pinfall für den Storm Breaker hin. Die Golden☆Lovers verließen den Ring geschlagen, wähnten aber immerhin die Championships in Sicherheit. (14:57) ***¼

Will Ospreay bewies erneut, dem Gewichtslimit trotzen zu können. (© NJPW)

Abschließende Gedanken

Die Zeit zwischen King Of Pro-Wrestling und Wrestle Kingdom war in den letzten Jahren nicht immer aufregend. Champion und Kofferträger verteidigten ihren Platz im Tokyo Dome, Spannung und Nervenkitzel fanden sich allerhöchstens in den unteren Cardregionen. Auch in diesem Jahr gab es bezüglich des Main Events keinerlei Abweichungen. An Kontroversen mangelte es dennoch nicht: Der BULLET CLUB fiel auseinander, um in Gedos Verrat an Kazuchika Okada eine neue Zeitrechnung einzuleiten. Gleichzeitig fanden mit dem „Rainmaker“ und Tanahashi ausgerechnet die größten Rivalen der letzten Jahre zueinander.

Der erste Abend der letzten Veranstaltungsreihe 2018 paßt sich eben diesem Gedanken an. Es gab zwar kein denkwürdiges Resultat, aber der Event fühlte sich wichtig und relevant an. Dazu hielt sich selbst der SZKG-Doppeldecker mit weniger Schnickschnack auf, um nicht von Mastermind Gedo abzulenken. Der wiederum bediente sich im Kampf gegen seinen ehemaligen Schützling an restlos allen Tricks aus der Fiesling-Fibel.

Jeder Kampf erhielt die ihm zustehende Zeit, ohne auch nur eine Sekunde zu lang zu wirken. Ein alles in allem perfekter Event, der Lust und Laune auf den Tokyo Dome maximierte und wie im Flug verging.

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Author: Steffen Götze

Steffen verfolgt das obskure Hobby namens Pro-Wrestling seit 1998 und erfreut sich gleichermaßen an Death Matches, unsichtbaren Handgranaten und langweiligem Klassik-Catch von anno dazumal. Ärgert sich der Dresdener nicht gerade über die jährlichen Mißerfolge der Minnesota Vikings, bemüht er sich nach Kräften, die Kritiken wichtiger Veranstaltungen nach spätestens drei Jahren im Kasten zu haben.

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