NJPW The New Beginning In Osaka 2019 (11. Februar) Review: Tanahashi vs. White, Okada vs. Fale

Kaum schien der BULLET CLUB zum uninteressanten Kasperletheater mutiert, schockierte Gedo mit einem Turn gegen seinen langjährigen Ziehsohn Kazuchika Okada. Seitdem liegt der Fokus ganz allein auf Jay White, der sich bei Wrestle Kingdom nicht nur überraschend gegen den „Rainmaker“ durchsetzte, sondern gleichzeitig ein Anrecht auf den großen Titel stellte. IWGP Heavyweight Champion Hiroshi Tanahashi hat in seiner langen Karriere zweifellos alles gesehen. Doch ein so frecher Herausforderer war ihm selten untergekommen! War die Zeit für den nächsten Schocker reif?

Hiroyoshi Tenzan, Satoshi Kojima & Jushin Thunder Liger besiegten Minoru Suzuki, Takashi Iizuka & TAKA Michinoku durch Disqualifikation

In einem Paralleluniversum startete das Match in aller Freundlichkeit, bevor nach fairen Minuten ein Händedruck nach dem anderen ausgetauscht wurde. Bei uns gab es das nicht. Im kompletten Gegenteil gestaltete sich die erste Hälfte mit Frechheiten auf beiden Seiten. Erst als sich Iizuka reihum an seinen Gegnern verbissen hatte, nahm der Matchfluß einigermaßen regelkonforme Züge an – wobei es vor allem Minoru Suzuki und Satoshi Kojima knallen ließen.

Im Vordergrund standen aber nicht die beiden agileren Schwergewichte ihrer Teams: Hiroyoshi Tenzan bemühte sich immer noch darum, ein Fünkchen Vernunft in Takashi Iizuka hervorzuprügeln, hatte für den speziellen Moment sogar ein gemeinsames Leibchen aus der Mottenkiste gekramt. Tatsächlich schien es für einen Augenblick, als hätte sich der „Crazy Bouzu“ etwas Menschlichkeit bewahrt. Doch kaum hatte er Minoru Suzuki daran gehindert, mit einem Stuhl gegen Tenzan vorzugehen, schlug er die Sitzgelegenheit selbst an den Hals seines ehemaligen Tag-Team-Partners. Disqualifikation, Iron Finger From Hell und ein zerrissenes Hemdchen folgten auf den Fuß. (12:56) **¼

Iizuka und Tenzan: Leider nur ein kurzer Moment der Einigkeit. (© NJPW)

EVIL & SANADA besiegten Ayato Yoshida & Shota Umino

Als Underdog geht es nur nach vorn. Du verlierst? Kein Problem, es hat ohnehin niemand mit deinem Erfolg gerechnet. Du gewinnst? Die Welt hält den Atem an und feiert dich wie einen verloren geglaubten Sohn. Natürlich war nicht davon auszugehen, daß sich Yoshida und Umino plötzlich mit einem Sieg über die amtierenden IWGP Tag Team Champions brüsten können. Doch sie schlugen sich über weite Strecken hervorragend und profitierten davon, keinerlei Respekt von den Titelträgern zu erfahren. Speziell SANADA geriet einige Male in Bedrängnis, revanchierte sich nach dem gemeinschaftlichen Magic Killer aber auch mit dem Pinfall über Klein-Shota.

Die Young Lions taten, was von ihnen zu erwarten war: Sie stellten ihre kontinuierlich besser werdende Zusammenarbeit zur Schau, arbeiteten hart und hielten lang genug mit, um mit wenigstens minimal erhobenem Haupt von dannen schreiten zu können. Uminos Debüt feiert im April seinen zweiten Geburtstag. Es kann also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es für ihn über den großen Teich geht. (10:08) **½

SANADA funktionierte Shota Umino zum Sofa um. (© NJPW)

Tetsuya Naito, BUSHI & Shingo Takagi besiegten Taichi, Yoshinobu Kanemaru & El Desperado

Je häufiger ich Shingo Takagi an der Seite seiner Partner sehe, desto mehr erinnert er mich an Kenny Omega in der „Cleaner“-Persona. Als AJ Styles den BULLET CLUB anführte, landete der Kanadier nur deshalb in der unteren Gewichtsklasse, weil kein weiteres Schwergewicht benötigt wurde. Ähnlich ist es bei den Los Ingobernables: Mit Naito, SANADA und EVIL sind die wirklich wichtigen Plätze besetzt. Shingo bleibt die Nummer 5 und wird erst eine Aufwertung erfahren, wenn die Gruppierungen ein weiteres Mal durchgemischt werden – im Fall der Unregierbaren möglicherweise, wenn Hiromu Takahashi aus seiner Verletzungspause zurückkehrt.

Auch wenn Tetsuya Naito den entscheidenden Pinfall für sein Team verbuchte, lag der Fokus klar auf den beiden Junior Heavyweights. Und bei all meiner Kritik an Naito in der Face-Rolle: Es gelingt ihm vorbildlich, den Fokus von sich zu nehmen und seine Kollegen in den Mittelpunkt zu stellen. Der Destino an Kanemaru mag den entscheidenden Pinfall gebracht haben. Doch es war völlig offensichtlich, daß der Chef an just diesem Abend als schwächster Teil der LIJ-Nahrungskette in den Ring stieg.

Die Konfrontation mit der Suzuki-gun scheint vorerst aus der Welt geschafft. Für die Junior Heavyweight Tag Team Champions meldeten sich alte Bekannte an: SHO & YOH griffen die Titelträger auf der Rampe an, schnappten sich die Gurte und machten unter gemischten Publikumsreaktionen deutlich, einen weiteren Tanz um das Gold wahrnehmen zu wollen. (11:02) **½

Taichi verlor eine weitere Schlacht gegen die Los Ingobernables. (© NJPW)

Yujiro Takahashi & Chase Owens besiegten Tomoaki Honma & YOSHI-HASHI

Bei einer solchen Ansammlung wünscht man sich doch glatt, daß die Young Lions auch bei den größeren Events zahlreicher vertreten wären. Einer kann sich kaum noch bewegen, der nächste glänzt mit für New-Japan-Verhältnisse unterdurchschnittlicher Qualität, die beiden anderen können, werden aber selten bis nie in Szene gesetzt. Immerhin durfte die „Tokyo Latina“ das Popöchen präsentieren!

Das Publikum paßte sich der Ausgangslage an. War bis hierhin für wirklich gute Stimmung gesorgt, reichten nun Achtungs- und Höflichkeitsapplaus für die dargebotene Leistung. Chase Owens beendete die grundsolide Auseinandersetzung mit dem Package Piledriver gegen Honma. Mehr gibt’s bei aller Liebe für das „Crown Jewel“ nicht zu erzählen. (9:38) **¼

Der BULLET CLUB punktete mit perfekter Zusammenarbeit. (© NJPW)

Tama Tonga & Tanga Loa besiegten Togi Makabe & Toru Yano

Tamas Abenteuer als „Good Guy“ hielt ganze vier Wochen an, bevor es durch die tief in ihm sitzende Bosheit negiert wurde. Dabei bekam vor allem Toru Yano die Wut des Haku-Söhnchens zu spüren, als es im Rahmen der Tour gleich mehrere Abreibungen mit unter anderem Jados Kendostick hagelte. Auch am letzten Abend der New Beginning Tour verzichtete Tama auf Albernheiten. Die Most Violent Players wurden attackiert, als sie gerade erst die Rampe herunterspazierten.

Der Kampf war kaum als solcher zu umschreiben. Es handelte sich 10 Minuten lang um einen wilden Brawl, den Marty Asami in nahezu jedem Moment hätte abbrechen können. Erst recht, als er selbst gleich mehrmals auf die Mütze bekam und wie ein Kleinkind durch die Gegend geworfen wurde. Beide Teams nahmen sich wenig, pfiffen auf die Regeln und probierten sich an jeder nur denkbaren Schweinerei. Das bessere Ende hatten die Guerrillas zu verzeichnen, als Yano nach einigem Hin und Her sowie der tatkräftigen Hilfe von Jado Gun Stun fressen durfte. Ein erstaunlich unterhaltsames Match! (9:44) ***

Wieder böse und unfreundlich: die Visage von Tama Tonga. (© NJPW)

IWGP Junior Heavyweight Championship
Taiji Ishimori (c) besiegte Ryusuke Taguchi

Für Taguchi konnte der Abend kaum besser starten. Er hatte den Titelträger bereits im modifizierten Ankle Lock aufgeben lassen, wähnte sich außerdem im psychologischen Vorteil. Schließlich konfrontierte er Ishimori frühzeitig mit dessen Vergangenheit als tanzender Sailor Boy. Problem nur: Der wiedergeborene „BONE SOLDIER“ ließ sich kein bißchen beeindrucken, initiierte sogar eigenhändig eine Tanzeinlage und ließ den Herausforderer nur wenige Minuten im Kampf verzweifeln.

Es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Denn auch wenn Taguchi einen offensichtlichen Gewichtsvorteil mit sich brachte, wurde er von Ishimoris Schnelligkeit bei Laune gehalten. Dazu erwies sich der Champion schlichtweg als der bessere Wrestler. Taguchi leerte sein Repertoire, konnte sogar fast mit dem Dodon gewinnen, sah sich letztendlich jedoch geschlagen auf der Matte wieder. Ishimori nutzte die zweite Durchführung für einen flinken Konter und das siegbringende Bloody Cross. Im Anschluß stellte er eine nonverbale Herausforderung an den am Kommentatorenpult sitzenden Jushin Thunder Liger, der nur zu gern annahm: jederzeit, an jedem Ort. (16:10) ***½

Taiji Ishimori verteidigte das Gold. (© NJPW)

Special Singles Match
Kazuchika Okada besiegte Bad Luck Fale

Früher am Abend versprach Chase Owens einen Durchmarsch des BULLET CLUBs – und zumindest bis jetzt hatte er Wort gehalten. Alle drei Kämpfe mit Beteiligung der bösen Buben gingen siegreich aus. Hier sollte die positive Bilanz dann allerdings doch ihr Ende finden. Keine Sorge aber: Es war nicht so, als hätten die Jungs vom CLUB nicht einmal mehr alles versucht! Schon beim Einmarsch hatte Fale mit Chase und Yujiro die passenden Fußsoldaten an seiner Seite. Und daß jene sich nicht davor grämen, ihre Kumpels irregulär zu unterstützen, ist ein offenes Geheimnis.

Notwendig war das! Denn Fales Kondition scheint nicht mehr das, was sie mal war. Das Match wurde merklich mit einigen Pausen gestaltet, in denen Okada die Wucht des Kolosses verkaufte oder sich mit dessen Kollegen beschäftigte. Als es der BULLET CLUB zu bunt trieb, geisterte ein Freund des „Rainmakers“ zum Ring: Ausgerechnet YOSHI-HASHI kam die Rampe heruntergestürmt und schaffte es gar, die Kontrolle über seine motorischen Fähigkeiten zu behalten! Für Fale nahte das Ende, das schlußendlich mit dem Rainmaker perfekt gemacht wurde. Viel Schall und Rauch, aber hervorragende Kost! (18:10) ***¼

Der „Rainmaker“ bezwang den schwitzenden Riesen. (© NJPW)

IWGP Heavyweight Championship
Jay White besiegte Hiroshi Tanahashi (c)

Wenn Gedo einen Wrestler pushen möchte, läßt er sich von keinem Rückschlag aus der Bahn werfen. Zugegebenermaßen wäre Jay White wahrscheinlich noch nicht Champion geworden, hätte sich die Elite nicht aus der Promotion verabschiedet. Doch früher oder später wäre das Ergebnis identisch gewesen. Noch weit vor der Exkursion war abzusehen, daß eine große Portion Hoffnung in „Switchblade“ gesteckt wird. Während sich die anderen Young Lions um jeden Sieg bemühen mußten, hatte der Neuseeländer kein Problem damit, seinem Kumpel Finlay die Grenzen aufzuzeigen.

Selbst bei seiner Exkursion war Jay White kein beliebiger Verlierer. Natürlich gewann er bei Ring Of Honor keine großen Main Events. Doch er war völlig offensichtlich ein ernstzunehmender Wrestler, ein vergleichsweise erfolgreicher Midcarder, der neben Niederlagen auch relevante Siege verbuchen konnte. Wer bis hierhin an Jay White zweifelte, konnte sich spätestens durch seine Darstellung beim G1 Special in den Vereinigten Staaten davon überzeugen, daß mit ihm zu rechnen ist.

Seit der Rückkehr zu New Japan Pro Wrestling ist der Weg an die Spitze ohne nachhaltige Durststrecke erfolgt. Es paßt perfekt ins Bild, daß der erste Titelgewinn ausgerechnet gegen Hiroshi Tanahashi glückte, den Wrestler, gegen den sich der zum „Switchblade“ mutierte Fiesling bei Wrestle Kingdom 12 in einem denkbar kalten Aufeinandertreffen brüskierte. Nur wenige Monate später ist von seiner leblosen Darstellung des neuen Charakters keine Spur mehr zu sehen. Wie der „Rainmaker“ ist Jay White beständig an seinen Aufgaben gewachsen. Und jetzt ist er mit 26 Jahren IWGP Heavyweight Champion. Das hätten wohl nicht einmal seine größten Befürworter für möglich gehalten. (30:28) ****

Jay White machte die Sensation perfekt. (© NJPW)

Abschließende Gedanken

Gedo wird dem eventgewordenen Neubeginn auch 2019 gerecht. Unabhängig davon, ob Jay White einen Kurz- oder Langzeit-Champion darstellen wird, ist er endgültig als neuer Top-Bösewicht etabliert. Im vergangenen Jahr benötigte „Switchblade“ jede nur denkbare Gemeinheit, um mit Tanahashi und Okada die beiden größten Stars New Japans zu besiegen. Nur wenige Monate später gelang ihm der Streich weitestgehend ohne zu große Unterstützung – auch wenn die gelegentlichen Eingriffe Gedos nicht von der Hand zu weisen sind. Tanahashi vs. White ist mit Sicherheit nicht das beste IWGP Heavyweight Championship Match der letzten Jahre. Aber es ist ohne Frage eins der denkwürdigeren!

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Author: Steffen Götze

Steffen verfolgt das obskure Hobby namens Pro-Wrestling seit 1998 und erfreut sich gleichermaßen an Death Matches, unsichtbaren Handgranaten und langweiligem Klassik-Catch von anno dazumal. Ärgert er sich nicht gerade über die jährlichen Mißerfolge der Minnesota Vikings, bemüht er sich nach Kräften, die Kritiken wichtiger Veranstaltungen nach spätestens drei Jahren im Kasten zu haben.

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