NJPW The New Beginning In Sapporo 2019 (2. Februar) Review: Tanahashi & Okada vs. White & Fale

Gemeinsame Feinde kreieren die seltsamsten Freundschaften. Nachdem sich IWGP Heavyweight Champion Hiroshi Tanahashi und Kazuchika Okada über Jahre hinweg die größte Rivalität der Gegenwart lieferten, haben sie das Kriegsbeil begraben, um sich Seite an Seite einer neuen Bedrohung entgegenzustellen. Ausgerechnet Gedo, Okadas langjähriger Mentor und Befürworter, hat den BULLET CLUB um Jay White verstärkt – und gnadenlos aussortiert. Der „Rainmaker“ ist bei Wrestle Kingdom gefallen. Steht mit Tanahashi der nächste Held bevor?

Ren Narita besiegte Yuya Uemura

Für Uemura kann es in den kommenden Monaten ausschließlich nach vorn gehen. Während Narita bereits die ersten Siege in seiner Bilanz aufweist und wenigstens einen Knieschoner spazieren trägt, lassen die Erfolge seines Dojo-Kollegen zu wünschen übrig. Die Statistik sprach nicht für Uemura: Seit Debüt im April 2018 stellte er sich Narita fünfmal im Einzelkampf – und blickte ebenso oft geschlagen an die Hallendecke. Auch heuer sollte es nicht für den ersten Meilenstein genügen.

Dabei mangelte es ihm weder an Herz noch der notwendigen Athletik. Uemura hielt nicht nur dagegen, sondern gestaltete den Kampf etappenweise ganz nach seinen Vorstellungen. Was ihm fehlte, war schlichtweg Erfahrung. Narita spielte eben diese Karte aus, wußte seinen Gegner in den entscheidenden Momenten zu kontern, seine Überschwänglichkeit gegen ihn zu nutzen. Das Ende vom Lied gestaltete sich dementsprechend: Uemura stürzte wie vom Teufel besessen in die Seile und wurde augenblicklich mit Naritas frisch gemeistertem Front Suplex Hold abgeschnitten. (9:45) **¾

Yuya Uemura scheiterte auch im sechsten Anlauf an Ren Narita. (© NJPW)

Manabu Nakanishi & Toa Henare besiegten Ayato Yoshida & Shota Umino

Alles an Shota Umino schreit nach baldigem Superstar. Wenn das erst 21 Jahre junge Red-Shoes-Söhnchen in fünf Jahren nicht steht, wo Kazuchika Okada und Jay White im gleichen Alter standen – sprich: wichtigen Kämpfen bei den größten Events -, ist etwas gehörig schief gelaufen. Sein Team mit Ayato Yoshida ist ein konstantes Highlight der unteren Cardregion – und zwar nicht nur für die gern beschworenen Young-Lion-Verhältnisse, sondern auch im Vergleich zum Rest.

Auf der anderen Seite des Rings ist Henare ein Ausbruch aus seiner aktuellen Rolle zu wünschen. Der Platz als verlängerter Arm der Dads ist zweifelsfrei ein Guter. Doch auf Dauer könnte (und sollte?) der bullige Neuseeländer möglicherweise die von Hirooki Goto und Tomohiro Ishii hinterlassenen Lücken füllen, wenn die CHAOS-Brecher altersbedingt auf die Bremse treten. Daß er anstelle des Seniors den entscheidenden Pinfall ergattern durfte, spricht für eine potentielle Aufwertung in naher Zukunft. (8:53) **¾

Schluß, Aus, Ende: Umino gab sich nach dem Toa Bottom geschlagen. (© NJPW)

Hiroyoshi Tenzan & Tiger Mask besiegten Takashi Iizuka & TAKA Michinoku durch Disqualifikation

Es brauchte keinen Nostradamus, um den Kampfverlauf der Seniorenriege vorherzusehen. Tenzan richtete nette Worte an seinen kurz vor dem Rücktritt stehenden Rivalen und erhielt prompt die Quittung: Die Kumpanen der Suzuki-gun gingen in den Angriff über, prügelten ihre Gegner um den Ring und siegten beinahe vorzeitig per Count Out.

Die Publikumslieblinge kämpften sich zurück, hatten aber nicht mehr viel zu lachen. Als es Iizuka zu bunt wurde, griff er zu einem Stuhl und verursachte eine Disqualifikation. Für Tenzan setzte es unmittelbar im Anschluß den Iron Finger From Hell. Der mehrfache IWGP Heavyweight Champion scheint der traurigen Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen: Beim „Crazy Bouzu“ ist die letzte Sicherung schon vor vielen Jahren durchgebrannt und keine Rettung mehr in Sicht. (9:26) **

Sorry, Tenzan! Für Takashi Iizuka kommt jede Hilfe zu spät. (© NJPW)

Togi Makabe, Toru Yano, Tomoaki Honma, YOSHI-HASHI & Ryusuke Taguchi besiegten Tama Tonga, Tanga Loa, Yujiro Takahashi, Chase Owens & Taiji Ishimori

Noch nicht bemerkt, daß Tama Tonga die Silvesternacht zur Transformation vom „Bad Boy“ zum „Good Guy“ genutzt hat? Keine Sorge: In der gefühlt drei Stunden lang andauernden ersten Kampfhälfte ließ er keine Sekunde aus, uns in theatralischer Weise auf seinen vermeintlichen Gesinnungswechsel hinzuweisen. Es ist eine reife Leistung, zum großen Pausenclown zu werden, wenn auf der anderen Seite Toru Yano und Ryusuke Taguchi auf ihren Einsatz warten.

Als sich die Tama Show ihrem Ende näherte, war der Drops gelutscht. Der BULLET CLUB hatte nur noch wenig zu melden. Immerhin: Nach der einschläfernden Darbietung in den ersten Minuten sah ausgerechnet Togi Makabe, kaum war Kollege Honma aus seiner mißlichen Lage befreit, wie die Motivation in Person aus. Am Ende war es schließlich Toru Yano, bis dahin kaum zu vernehmen, der seinen ehemaligen CHAOS-Kumpan Yujiro Takahashi mit einem Einroller schulterte. (13:38) **¼

Keine Lust auf Bullshit: Der „Unchained Gorilla“ räumte Tanga Loa ab. (© NJPW)

Taichi, Yoshinobu Kanemaru & El Desperado besiegten Tetsuya Naito, BUSHI & Shingo Takagi

Daß die Gewichtsgrenze bei New Japan mit eher individuellem Blick auf die Wrestler gezogen wird, ist ein offenes Geheimnis. Doch in nur wenigen Kämpfen ist es so offensichtlich wie hier. Erwecken Kanemaru und BUSHI einen tatsächlich eher schmalen Eindruck, sehen El Desperado und Shingo Takagi neben ihnen wie Brecher aus, die eher gestern als morgen bei den Schwergewichten aufräumen könnten. Ganz zu schweigen davon, daß der im Vergleich wie ein Hüne wirkende Taichi erst letztes Jahr die Gewichtsklasse gewechselt und maximal zwei, drei Kilo draufgepackt hat.

Wie üblich hatten die Abgesandten der SZKG ein klares Ziel vor Augen. Kaum ein Moment blieb aus, die Unachtsamkeit des Ringrichters auszunutzen oder das Regelwerk vor den Augen des Offiziellen ganz ungeniert überzustrapazieren. Dabei verließen sich die Jungs nicht etwa darauf, BUSHI zu isolieren. Sie nahmen sich mit Shingo Takagi stattdessen das Powerhouse der gegnerischen Seite vor. Die Taktik ging auf: Die Los Ingobernables fanden nie so ganz ins Match, gingen final unter dem scheinbar fitten BUSHI in die Binsen. Taichi persönlich schlug mit dem Dangerous Back Drop zu und ließ Naito parallel zur kurzfristigen Entführung des Gurts und BUSHIs Demaskierung wissen, vorbereitet zu sein! (13:28) ***

Taichi: Vom NEVER Openweight zum IWGP Intercontinental Champion? (© NJPW)

Special Singles Match
Minoru Suzuki besiegte SANADA

Arroganz hilft gegen Minoru Suzuki herzlich wenig. Das bekam SANADA zu spüren, als er die ersten Minuten der Auseinandersetzung damit verbrachte, den verrücktesten Wrestler unter dem New-Japan-Banner im Paradise Lock zu verknoten. Als das Vorhaben gelang, kannte Suzuki kein Halten mehr: SANADA wurde quer durch das Hokkaido Prefectural Sports Center geprügelt, unter Stühlen begraben und dem Erdboden bis zum kurz vor knapp verhinderten Sieg durch Auszählen gleichgemacht.

Suzukis Ärger blieb bestehen. Während der Unregierbare versuchte, der Auseinandersetzung seinen Stempel aufzudrücken, blieb der Veteran denkbar unbeeindruckt. Das änderte sich auch im weiteren Verlauf des Kampfes nicht. SANADA gelang es zwar, hier und da einen Nadelstich zu setzen, doch das Ende konnte allerhöchstens hinausgezögert werden. Die fehlgeschlagene Moonsault Press leitete die Schlußphase genauso ein wie der nicht komplett durchgezogene Skull-End-Aufgabegriff. Suzuki hatte seinen Spaß und beendete den Kampf souverän mit dem Gotch-Style Piledriver. (19:40) ***½

Minoru Suzukis Spezialität: das Vertrimmen der Helden von morgen. (© NJPW)

Special Singles Match
EVIL besiegte Zack Sabre Jr.

Da sind wir wieder! Es ist noch gar nicht lang her, da sollte es auf großer Bühne knallen. Und hätte sich Chris Jericho nicht für einen spektakulären Eingriff entschieden, wären wir längst klüger! So zögerte sich die zwischenzeitlich verstummte Rivalität zwischen EVIL und Zack Sabre Jr., zwei namhaften Streitern aus der zweiten Reihe, bis heute hinaus. Interessant: Nicht etwa Minoru Suzuki steht aktuell im Vordergrund seiner eigenen Gruppierung. Der Fokus hat sich längst auf den gnadenlosen, sadistischen Briten verschoben!

EVIL stellte sich als perfekter Komplementär zu den Stärken von Zack heraus. Er ist und bleibt bei Weitem nicht so technisch versiert wie sein Gegner, füllte die Lücken jedoch durch seinen Kraftvorteil. Was immer der SZKG-Streiter versuchte: EVIL fand die richtige Antwort, beförderte Zack mit einem Fisherman Buster sogar auf die Rampe, bevor die letzten Minuten im Ring beginnen sollten. Dort wiederholte sich das Schauspiel: Der „Submission Master“ spielte seine Qualitäten aus, hatte aber bald nicht mehr die Kraft, dem unbändigen Ansturm seines Gegenübers standzuhalten. Die Nummer 2 der Unregierbaren entging nach mehr als 20 Minuten allen relevanten Trademarks, punktete im richtigen Moment per nach ihm selbst benanntem STO und hatte die Schmach SANADAs erfolgreich ausgeglichen! (22:01) ***¾

Alles ist böse. Auch Zack Sabre Jr.! (© NJPW)

Special Tag Match
Jay White & Bad Luck Fale besiegten Hiroshi Tanahashi & Kazuchika Okada

So viel Spaß die Veränderungen um den BULLET CLUB auch machen: In seiner bisherigen Form mangelt es ihm an Substanz. Jay White steht mit Kumpel Gedo an der Spitze – und danach folgt lange Zeit nichts. Bester Beweis: Ausgerechnet Bad Luck Fale, der neben Tama Tonga größte Faulpelz des Rosters, wurde für seinen mindestens zehnten Anlauf als Okada-Übergangsgegner aufgewärmt und in einem vergleichsweise wichtigen Hauptkampf platziert. Wer sonst hätte dort auch stehen sollen? Die Guerrillas, Chase und Yujiro sind Kandidaten für die untere Cardhälfte, Ishimori ist ein Junior Heavyweight und nicht größer als ein Neugeborenes. Es fehlt dem BULLET CLUB an den Ishiis, Gotos, SANADAs oder Elgins, kurz: an Arbeitstieren, die ohne Qualitätsverlust in Main Events gesteckt werden können. Selbst ein Beretta hätte an der Seite von Jay White und Gedo Wunder wirken können.

Mit 25 Minuten ließen sich die Beteiligten gehörig Zeit für allerlei Unsinn. Während sich Tanahashi und Okada beständig besser aufeinander abzustimmen wußten, hielt sich der BULLET CLUB nicht groß mit effektiver In-Ring-Kooperation auch. Wozu auch? Wann immer es brenzlig wurde, mischte sich Gedo ein, um die Wogen zu glätten und seinen Jungs einen Vorteil zu verschaffen. Das Dream Team stand mehrmals kurz vor dem Sieg, um im allerletzten Augenblick abgelenkt und am Erfolg gehindert zu werden. „Switchblade“ nutzte die sich öffnenden Zeitfenster mit tödlicher Präzision. Tanahashi bekam einen Stuhl an das lädierte Knie und gab wenig später in einem modifizierten Figure Four Leglock auf, nachdem Okada kurz zuvor durch den Bad Luck Fall ausgeschaltet wurde. (24:36) ***¾

Tanahashi gab auf! Die Kiwis besiegten das Dream Team. (© NJPW)

Abschließende Gedanken

Der Event mit einem Wort beschrieben: stimmungsvoll! Die obere Hälfte der Card versprach spannungsgeladene Aufeinandertreffen und hat sie zweifellos geboten. Daß kein ganz großer Klassiker auf die Matte gezaubert wurde, ist zu verkraften. Es war schließlich keiner zu erwarten! Vielmehr stellten die Kämpfe eine Fortsetzung der aktuellen Rivalitäten dar. Mit „Switchblade“, Suzuki und Taichi setzten sich in drei von vier Kämpfen erwartungsgemäß die Titelherausforderer durch, um rechtzeitig eine Portion Momentum zu tanken. Bei Zeitmangel kann der Event, alles in allem, vernachlässigt werden.

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Author: Steffen Götze

Steffen verfolgt das obskure Hobby namens Pro-Wrestling seit 1998 und erfreut sich gleichermaßen an Death Matches, unsichtbaren Handgranaten und langweiligem Klassik-Catch von anno dazumal. Ärgert sich der Dresdener nicht gerade über die jährlichen Mißerfolge der Minnesota Vikings, bemüht er sich nach Kräften, die Kritiken wichtiger Veranstaltungen nach spätestens drei Jahren im Kasten zu haben.

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